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Für viele ein grosser sozialpolitischer Sprung

«Zahnversicherung: Testfall Waadt», Ausgabe vom 6. Februar
14.02.2018 | 04:40

Ein Ja der Waadt zu einer obligatorischen Zahnversicherung wäre aus Sicht der Zahnärztegesellschaft (SSO) ein Dammbruch, für viele aber ein grosser sozialpolitischer Sprung. Dämme brechen bei Hochwasser und schwachen Dämmen, symbolisch für die wenig glaubwürdige Standespolitik der SSO.

Ein Beispiel: «Zahlt eine Versicherung die Zahnbehandlung, wird sie das Vorgehen diktieren», wird der SSO-Funktionär zitiert.

Ihm ist wohl bekannt, dass die Medizin in der Schweiz staatlich garantiert, privilegiert dasteht. Ohne grosse Risiken versorgt der milliardenschwere Geldfluss die Leistungserbringer doch ganz ordentlich. Problematisch finde ich den Vorwurf der Initianten einer Zahnversicherung, der Zahnärzteschaft gehe es um Einkommenssicherung. Solch erhobener Generalverdacht ist gegenüber den sich korrekt Verhaltenden unfair.

Wenn aber ein Arzt aus Wauwil kürzlich per Leserbrief sich öffentlich dazu bekannte, dass verordnete Tarifsenkungen schon immer von der Ärzteschaft mit Mengenausweitung korrigiert worden seien (Ausgabe vom 8. Juli 2017), lässt das schon aufhorchen.

Und ein Chefarzt aus Zürich ordnete aufgrund der Tarifsenkung an, bei Patienten mit Rippenquetschung zur Sicherung des Umsatzzieles zusätzlich zur Thoraxaufnahme auch den Bauchraum kostenintensiv abzuklären. Erklären Sie, liebe Leser, dieses medizinisch-ethisch verwerfliche Verhalten einer Durchschnittsfamilie, die gezwungen wird, Prämienverbilligung zu beantragen. Sie verliert einen Teil ihrer finanziellen Unabhängigkeit, damit der milliardenschwere Geldfluss in Richtung Leistungserbringer ja nicht gestört wird, Tendenz stark steigend.

Sie wünscht sich eine bezahlbare, qualitativ gute und dem Patienten verpflichtete medizinische Versorgung und weiss mit dem abstrakten Begriff «Therapiefreiheit» wenig anzufangen. Oder brechen eben, wie in der Waadt, die Dämme, weil dieser Wunsch Wunschdenken blieb?

Werner Jöri, alt Nationalrat SP, Ennetbürgen

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